Zwei Welten, ein Ziel
Die IT wandelt sich seit Jahren: Von starren, budgetgesteuerten Rechenzentren hin zu dynamischen, verbrauchsorientierten Cloud-Infrastrukturen. In dieser Entwicklung haben sich zwei Disziplinen herausgebildet, die beide das Ziel haben, IT-Kosten zu verstehen, zu steuern und Mehrwert für das Unternehmen zu schaffen: IT Financial Management (ITFM) und FinOps.
ITFM stammt traditionell aus der On-Premises-Welt und bringt die Logik der Kostenrechnung, Leistungsverrechnung und Budgetsteuerung mit. FinOps hingegen ist eine Antwort auf die dynamische Welt der Cloud: schnell, agil, teamübergreifend und stark operativ. Während ITFM sich oft auf die langfristige Planung und interne Leistungsverrechnung konzentriert, will FinOps schnell Einsparpotenziale identifizieren und Handlungen anstoßen.
Doch was passiert, wenn Unternehmen sowohl klassische IT als auch Cloud nutzen? Wenn der CIO die volle Transparenz über alle IT-Kosten fordert – unabhängig von Betriebsform? Genau hier liegt das Potenzial eines operativen Bindeglieds zwischen ITFM und FinOps. Dieser Artikel beleuchtet, wie diese beiden Disziplinen operativ verbunden werden können, welche Methoden und Werkzeuge sinnvoll sind, und welche Schritte Unternehmen gehen sollten, um Synergien voll auszuschöpfen.
Gemeinsames Zielbild definieren
Bevor operative Maßnahmen greifen können, braucht es ein gemeinsames Zielbild. Sowohl ITFM als auch FinOps wollen Transparenz, Kostenkontrolle und Wertbeitrag der IT ermöglichen. Dennoch sprechen beide Disziplinen oft eine andere Sprache:
- ITFM denkt in Kostenarten, Kostenstellen, Leistungsverrechnungen, CapEx vs. OpEx.
- FinOps arbeitet mit Workloads, Cloud-Konten, Abrechnungsdaten, Forecasts und Tagging.
Ein operatives Bindeglied beginnt mit der Übersetzung: Cloud-Ressourcen müssen in ITFM-kompatible Strukturen überführt werden. Der „Compute“ in AWS kann dann einem IT-Service zugeordnet, mit einem Kostenpool versehen und weiterverrechnet werden – wenn die Daten und Prozesse stimmen.
Beispiel: Ein FinOps-Team erkennt, dass in der Cloud täglich 30 vCPUs ungenutzt bereitstehen. Das ITFM-Team kann diesen Wert einordnen: Was kostet diese Ineffizienz, welchem Budget wirkt sie entgegen, welche Kostenstelle trägt das?
Erst durch ein gemeinsames Zielbild entsteht aus reiner Cloud-Kostenoptimierung ein strukturierter Beitrag zur unternehmensweiten IT-Kostenstrategie.
Operative Brücke durch Datenkonsolidierung
Das Bindeglied entsteht nicht in der Theorie, sondern durch operative Integration von Datenströmen. Die Herausforderung: ITFM greift auf ERP-Daten, CMDBs und Verrechnungstabellen zu – FinOps auf Billing-Daten der Hyperscaler. Diese Daten müssen zusammengeführt werden.
Operative Schritte zur Konsolidierung:
- Zentrale Datenplattform aufbauen, z. B. mit einem Data Lake oder einem BI-Tool, das sowohl ERP- als auch Cloud-Kostendaten verarbeiten kann.
- Tagging-Standards in der Cloud definieren und in die ITFM-Strukturen überführen (z. B. Zuordnung zu Kostenstellen, Services, Applikationen).
- Mappings zwischen Cloud-Ressourcen und IT-Towern/Cost Pools anlegen, sodass z. B. der Storage-Bedarf eines S3-Buckets in die Storage-Kostenrechnung des ITFM einfließt.
Diese Brücke ist keine Einmalaufgabe, sondern ein kontinuierlicher Abstimmungsprozess, der sich operativ steuern lässt – etwa durch ein zentrales Kostenmodell, das beide Welten abbildet.
Gemeinsame Steuerungskennzahlen (KPIs) etablieren
Solange ITFM und FinOps unterschiedliche KPIs nutzen, reden sie aneinander vorbei. Eine wirkungsvolle operative Verzahnung braucht eine gemeinsame Sprache: kennzahlenbasierte Steuerung, abgestimmt auf die Bedürfnisse beider Seiten.
Beispielhafte KPIs, die beide Welten verbinden:
- Kosten pro Applikationseinheit (z. B. Euro pro Transaktion, Cloud + On-Prem kombiniert)
- Kosten pro genutzte Cloud-Ressource im Vergleich zur Allokation im ITFM
- Forecast-Trefferquote: Differenz zwischen ITFM-Planwert und FinOps-Forecast
- Verrechnete vs. tatsächliche Nutzungskosten
Diese Kennzahlen ermöglichen es dem CIO, Cloud-Kosten in den strategischen Kontext der gesamten IT zu stellen, und bieten gleichzeitig FinOps die Möglichkeit, operativ gegenzusteuern.
Operative Zusammenarbeit organisieren
Oft sitzen ITFM- und FinOps-Teams in unterschiedlichen Abteilungen. Die eine Seite berichtet an den CFO, die andere an den CTO oder Cloud-Lead. Um die operative Verzahnung zu ermöglichen, braucht es klare Rollen und kollaborative Prozesse.
Empfehlung für den Aufbau:
- Crossfunktionales FinOps-Board, in dem FinOps‑, ITFM‑, IT-Service-Owner und Application Owner regelmäßig zusammenarbeiten.
- Operative „Cost Review Meetings“, in denen konkrete Abweichungen, Forecasts und Einsparpotenziale aus beiden Welten besprochen werden.
- Verantwortlichkeiten für Kosten pro Service: Wer entscheidet bei Abweichungen, wer trägt sie, wer kommuniziert sie?
Diese regelmäßige Zusammenarbeit bringt transparente Entscheidungen hervor, reduziert Reibungsverluste und erhöht die Verbindlichkeit der Maßnahmen.
Prozesse zur Kostenallokation und Showback/Chargeback kombinieren
ITFM bringt ausgereifte Verrechnungsmodelle mit – FinOps ist eher auf Transparenz ausgerichtet. Doch die Kombination beider ist entscheidend, um aus der Information über Kosten eine Verhaltenssteuerung zu machen.
Kombinierte Vorgehensweise:
- FinOps erzeugt operative Kostentransparenz, z. B. tägliche Auswertung der Cloud-Ausgaben pro Workload.
- ITFM rechnet diese Kosten auf Business-Services um, z. B. mit einem definierten Verteilungsschlüssel.
- Das Ergebnis wird als Showback oder Chargeback an Fachbereiche oder Product Owner kommuniziert.
- Incentivierung oder Budgetverantwortung sorgt dafür, dass Verantwortliche handeln.
Der Vorteil: FinOps liefert die Echtzeit-Daten, ITFM die methodische Sicherheit. Gemeinsam entsteht ein wirksames Kostenbewusstsein auf allen Ebenen.
Tool-Landschaft harmonisieren
Oft nutzen ITFM und FinOps unterschiedliche Tools: SAP oder ServiceNow auf der einen, Cloud-native Tools oder Drittlösungen wie CloudHealth oder Apptio auf der anderen Seite. Operativ sollte das Ziel sein, eine integrierte Sicht zu ermöglichen.
Vorgehen zur Harmonisierung:
- Zentrale Datenquellen definieren, z. B. ein zentrales Data Warehouse oder BI-Tool.
- ETL-Prozesse einrichten, die sowohl ITFM-Daten (z. B. Buchungsbelege) als auch FinOps-Daten (z. B. Cloud Billing Files) einspeisen.
- Dashboards bauen, die beide Perspektiven vereinen – z. B. Cloud-Kosten pro IT-Service, inkl. Verrechnungsanteil, Forecast und Business Impact.
Die Wahl der Tools ist weniger entscheidend als die gemeinsame Datengrundlage und ein konsistentes Kostenmodell.
Operative Use Cases: Wo das Bindeglied echten Mehrwert schafft
Die Verzahnung bringt nicht nur Struktur, sondern auch konkrete operative Vorteile. Drei praxisnahe Use Cases:
Use Case 1: Cloud-Kostenexplosion stoppen
Ein Anwendungsbereich wächst dynamisch. Die FinOps-Auswertung zeigt steigende Compute-Kosten. ITFM erkennt, dass diese Anwendung budgetär im roten Bereich liegt. Das gemeinsam abgestimmte Forecast-Modell zeigt frühzeitig Handlungsbedarf – Maßnahmen wie Rightsizing, Scheduling oder Verlagerung auf Reserved Instances können rechtzeitig eingeleitet werden.
Use Case 2: Business-IT-Diskussion auf Augenhöhe
Die Fachabteilung beschwert sich über gestiegene IT-Kosten. Dank der Kombination aus FinOps-Daten und ITFM-Kalkulation kann gezeigt werden, dass die Nutzerzahlen gestiegen sind, der Datenverbrauch zugenommen hat und ein Teil der Kosten aus einer freiwilligen Anforderung resultiert. Das Kostenbewusstsein steigt, die Diskussion wird sachlich.
Use Case 3: Projektbewertung auf Basis echter Nutzungskosten
Ein Innovationsprojekt nutzt Cloud-Ressourcen. ITFM weist dem Projekt diese Kosten korrekt zu, FinOps liefert die tagesgenaue Nutzung. Bei der Nachkalkulation zeigt sich: Die Cloud war günstiger als vergleichbare On-Prem-Alternativen. Entscheidungsträger erhalten belastbare Argumente für zukünftige Entscheidungen.
Herausforderungen und Erfolgsfaktoren
Natürlich ist die operative Verzahnung kein Selbstläufer. Unternehmen stehen typischerweise vor folgenden Herausforderungen:
- Unterschiedliche Zielhorizonte (FinOps kurzfristig, ITFM langfristig)
- Datensilos und uneinheitliche Strukturen
- Mangelndes Verständnis für die andere Disziplin
- Technische Integrationshürden
Doch mit den richtigen Erfolgsfaktoren lassen sich diese Hürden meistern:
- Frühe Einbindung beider Teams
- Top-Management-Support
- Gemeinsames Reporting
- Iteratives Vorgehen mit Quick Wins
Fazit: Die Zukunft ist hybrid – und das Bindeglied entscheidend
In einer hybriden IT-Welt brauchen Unternehmen keine neuen Silos, sondern integrierte Steuerungssysteme. Die Kombination aus ITFM und FinOps ist mehr als ein theoretisches Konstrukt: Sie ist operativ möglich, sinnvoll und notwendig.
Wer das Bindeglied zwischen ITFM und FinOps schafft, profitiert von:
- Schneller Kostenreaktion
- Transparenter Verrechnung
- Besserer Budgetsteuerung
- Mehr Vertrauen zwischen IT und Business
Nicht entweder ITFM oder FinOps – sondern beides. Vernetzt, operativ verankert und auf ein Ziel ausgerichtet: eine wirtschaftlich erfolgreiche IT

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